Man müsste in den Archiven des Handball-Traditionsvereins SG VTB/Altjührden lange, lange wühlen und würde am Ende wahrscheinlich nicht fündig werden. Mit sage und schreibe 0:9 Toren lagen die Drittliga-Handballer am Samstagabend im Vier-Punkte-Spiel gegen den SC Magdeburg II nach zehn Minuten bereits in Rückstand, ehe Marek Mikeci vom Siebenmeterstrich der erste Treffer der Hausherren gelang (11.). Und es dauerte noch weitere vier Minuten, bis die Gastgeber endlich den ersten Feldtreffer erzielten (2:10) – erneut durch Mikeci, der als erster Vareler aus der rätselhaften Lethargie erwachte.

Dennoch sollte sich die Mannschaft von SG-Trainer Andrzej Staszewski im weiteren Verlauf des Kellerduells nie mehr von diesem unerklärlichen Katastrophenstart, noch dazu in einem richtungweisenden Duell gegen einen direkten Kontrahenten im Kampf um den Klassenerhalt, erholen. Am Ende verpassten die Vareler um Längen den erhofften Befreiungsschlag zum Jahresauftakt durch die verdiente 25:30 (9:17)-Heimniederlage gegen den mit sechs A-Jugendlichen angetretenen Magdeburger Bundesliga-Nachwuchs, dessen ältester Spieler 21 Jahre alt war. Die Friesen haben nun zudem nur noch einen mageren Zähler Vorsprung vor der Abstiegszone.

Doppelt bitter: Auch ein anderer Kellerrivale, die Eintracht aus Braunschweig, startete im Gegensatz zur SG furios in die Rückrunde und hat dank des zeitgleichen 30:22-Erfolgs beim VfL Fredenbeck nun zwei Punkte Vorsprung vor den Varelern, die weiter auf dem viertletzten Tabellenplatz rangieren.

Dreifach bitter: Nicht wenige der angesichts des einseitigen Spielverlaufs spürbar perplexen 453 Zuschauer waren durch die vorherige Glanztat der Vareler Mitte Dezember gegen den HSV Hamburg (33:29) erstmals wieder neugierig geworden und hatten nach langer Zeit wieder den Weg in die Manfred-Schmidt-Sporthalle gefunden. Auch sie wurden nun Augenzeugen einer vor allem vor dem Seitenwechsel erschreckend schwachen Leistung der Hausherren.

Die Gäste aus Sachsen-Anhalt um den Rückraum-Rechten Alexander Saul (10/5 Treffer) agierten trotz einer knapp 350 Kilometer langen Anreise von Beginn an wacher, spritziger und bissiger als die Vareler. Sie trafen zunächst aus allen Lagen und fanden immer wieder Lücken in der – trotz der Rückkehr des wiedergenesenen Abwehrchefs Helge Janßen – erstaunlich löchrigen SG-Deckung.

Indes rannten sich die Gastgeber in der Offensive immer wieder einfallslos in der kompakten 6:0-Abwehr der Magdeburger um den dänischen Winterpausen-Neuzugang Nichlas Hald Christensen (Aarhus) fest oder warfen den noch dazu glänzend aufgelegten SCM-Torhüter Florian Link selbst aus besten Wurfpositionen zum Weltmeister. Sogar der im bisherigen Saisonverlauf beste Vareler Schütze, Oliver Staszewski, blieb diesmal nur ein Schatten seiner selbst und erzielte sein erstes Tor des Abends erst in der 28. Minute. So lagen die Vareler über 5:13 (19.) auch zur Pause klar mit acht Treffern in Rückstand.

„Wir haben die erste Halbzeit komplett verschlafen. Der 0:9-Rückstand war ein Schock“, bilanzierte Andrzej Staszewski und monierte zurecht die mangelhafte Einstellung seiner Mannen: „Es fehlte der nötige Biss, so als ob die Spieler die zwei Punkte gegen das junge Magdeburger Team schon vor dem Partie im Kopf für sich verbucht hatten.“ Vor allem von der desolaten Anfgriffsleistung zeigte sich der SG-Trainer bitter enttäuscht: „Jeder hat für sich allein versucht, etwas zu bewirken.“

Zwar erzielten die Gastgeber nach Wiederbeginn ihren ersten Treffer bereits in der ersten Minute der zweiten Hälfte und spannten ihre Fans im Abschluss damit nicht ein weiteres Mal so lange auf die Folter wie im ersten Durchgang. Doch blieb die angepeilte Aufholjagd über Zwischenstände von 12:18 (34.), 15:21 (39.) und 18:25 (47.) aus. Selbst nach dem 21:26 durch Oliver Staszewski (50.) schienen die noch dazu immer kraftloser wirkenden Gastgeber nicht wirklich an ihre Chance zu glauben. Und als die Vareler sich nach dem 22:27-Zwischenstand (54.) gleich drei Fehlwürfe in Folge leisteten und es versäumten, erstmals wieder auf vier Treffer zu verkürzen, war der Widerstand endgültig gebrochen. Das 23:29 in der vorletzten Spielminute kassierten die Hausherren bezeichnenderweise in doppelter Überzahl.

Spürbar erleichtert feierten indes die Magdeburger „Youngsters“ ihren ersten Auswärtssieg. „Wir haben natürlich das gesamte Spiel über von unserem 9:0-Traumstart profitiert“, freute sich SCM-Coach Felix Eckert. „Die zweite Hälfte war deutlich ausgeglichener, doch trotz des sehr jungen Alters und der zunehmenden Probleme mit der immer offensiveren Abwehr der Altjührdener, hat meine Mannschaft den Vorsprung über die Zeit gebracht“, fügte er hinzu und erteilte seinem Schlussmann Florian Link ein Sonderlob.

Derweil ist auf Vareler Seite die ganze Euphorie nach dem HSV-Spiel schon wieder verflogen. Nun haben die SG-Spieler 14 Tage Zeit, um sich auf das nächste Duell gegen einen direkten Abstiegskontrahenten vorzubereiten. Am 28. Januar ist Schlusslicht SV Beckdorf zu Gast. Einen weiteren Rückschlag im Abstiegskampf dürfen sich die Vareler dabei nicht leisten, sonst droht die nächste Zittersaison bis zum allerletzten Spieltag.

„Ich bin davon überzeugt, dass meine Mannschaft im nächsten Heimspiel ein anderes Gesicht zeigt“, gab sich Andrzej Staszewski abschließend kämpferisch: „Und dann müssen wir unbedingt punkten!“

Quelle NWZ: Henning Busch  www.nwzonline.de/friesland/lokalsport